Du sollst nicht begehren deines Nächsten Feiertag - Die Karfreitagsregelung

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Wie ein Neidhammel endlich alles gleich gemacht hat!

109 Euro, das war der Streitwert, der dazu geführt hat, dass wir Evangelische den Karfreitag als Feiertag verloren haben.

Ein Arbeitnehmer aus Wien hat wegen Diskriminierung geklagt, weil sein evangelischer Kollege für seinen Dienst am Karfreitag einen Feiertagszuschlag von 109 Euro bekommen hat und er für seinen normalen Lohn arbeiten musste. Und dann ging es mit Unterstützung der Arbeiterkammer durch die Instanzen. Bei der einen hieß es, es sei eine Diskriminierung, bei der nächsten wieder nicht und letzten Endes landete es beim europäischen Gerichtshof, der letzten Endes nach Jahren feststellte, dass das Zugeständnis des Karfreitags für Evangelische und Altkatholische eine Diskriminierung der anderen sei. Die Beweggründe des Klägers sind natürlich nicht bekannt: ging es ihm wirklich um Diskriminierung oder war da vielleicht doch ein bisserl Neid dabei. Man bedenke, was wir uns für 109 Euro alles leisten können. Ich denke schon, dass da auch einiges an Neid dabei war.

Neid… eine Tugend, die heute recht hochgehalten wird. Obwohl es vielen von uns gut geht, blicken wir doch mit sehnsüchtigem, nicht unbedingt wohlwollendem Blick auf andere, die etwas haben, das wir nicht haben oder die etwas haben, wofür sie offensichtlich nicht so hart arbeiten mussten, wie ich selbst. Also so ganz neidlos scheint es in unseren Leben nicht zuzugehen.

Die Karfreitagsregelung wurde also gekippt. Was uns Evangelischen vor knapp 70 Jahren geschenkt wird, ist nun futsch. Das „Geschenk“ war eine Verlängerung der Toleranzgesetzgebung und sollte auch über Jahrhunderte erlittenes Unrecht wieder gut machen. Es wurde um eine Lösung gerungen, wie die österreichische Regierung doch noch für alle, für uns oder wie auch immer etwas retten könnte.

Die vom EUGH vorgeschlagene Regelung, einen Feiertag für alle zu machen, war offensichtlich wirtschaftlich undenkbar. Man wollte sich gar nicht ausmalen, was das für unser „armes, wirtschaftlich schwaches“ Land bedeuten würde, wo wir doch ohnehin schon bei den Feiertagen im europäischen Spitzenfeld liegen (bei der Wochenarbeitszeit übrigens auch). Über 11 Szenarien waren im Spiel und der erste Vorschlag unserer Regierung war dann schon fast ein Schlag ins Gesicht: ein halber Feiertag ab 14:00. Unser „höchster“ Feiertag also eine halbe Portion. Wie selbstverständlich regte sich dagegen von allen Seiten berechtigter Protest. Und die Regierung begann wieder „nachzubessern“.

Am 25.2. wurde dann der endgültige Vorschlag präsentiert und am 27.2. im Parlament mit den Stimmen der Regierungsparteien beschlossen. Ein Novum, in den Augen der Regierungsvertreter eine perfekte Lösung. Der Karfreitag ist gestrichen (auch aus dem Generalkollektivvertrag, in dem er stand). Es folgt nun ein „persönlicher“ Feiertag. ArbeitnehmerInnen können nun nach einer „kurzen“ Vorlaufzeit von DREI Monaten einen persönlichen Feiertag bei ihren ArbeitgeberInnen beantragen, die dazu eigentlich nicht nein sagen dürfen. Hört sich im ersten Moment gut an. Nur kommt dieser persönliche Feiertag aus dem bestehenden Urlaubskontingent. Es wurde den Menschen also ein Urlaubstag geschenkt, den sie eigentlich eh schon haben. Die besondere Errungenschaft soll nun sein, dass man wofür auch immer einen „persönlichen“ Feiertag nehmen kann. Die Möglichkeiten dafür sind mannigfaltig: Zuerst denkt man dabei natürlich an religiöse Feiertage, die vom Gesetzgeber nicht freigegeben werden. Zu Recht freuen sich daher besonders die Muslime in diesem Land. Es darf aber auch was anderes sein: Einmal ausschlafen nach einem Fussballspiel, Erni Oma’s Geburtstag, die Geburt meiner Katzen oder was auch immer. Damit sind alle für Menschen nur erdenkliche Anlässe gleich. Oder eben auch: unser „höchster Feiertag“ hat nun endlich den gleichen Stellenwert wie Erni Oma’s Geburtstag.

Es ist nun kein Feiertag mehr, der so stark unsere evangelische Identität bestimmt bzw. bestimmt hat. Sondern eine persönliche Entscheidung, ob ich da mitmache. Nun mag es sein, dass es viele gibt, die das machen… oder auch nicht. Fünf Wochen Urlaubsanspruch können unter Umständen nämlich gar nicht so viel sein. Aus persönlicher Betroffenheit weiß ich, dass es besonders für Familien mit kleineren Kinder ohnehin eng wird. Diverse Ferien und Schließtage der Bildungseinrichtungen führen immer wieder zu einem Betreuungsengpass. Und da muss der Urlaub schon gut gewählt sein, dass sich das ausgeht. Es gibt aber noch viele andere, manche mehr, manche weniger verständliche Gründe, die den Karfreitag hinten an stehen lassen. Wie auch immer… wir können nicht davon ausgehen, dass viele unserer Glaubensgeschwister das großzügige Angebot des Gesetzgebers annehmen.

Ist nun der Karfreitag wirklich nichts mehr wert? War’s das dann mit dem für unsere evangelische Identität so wichtigen Tag? Die Antwort diese Frage führt uns zu dem Grund hin, warum der Karfreitag denn so wichtig sei.

Immer wieder kommen von katholischen Kollegen und Bekannten Einwände, dass es doch sehr eigenartig sei, den Tod Jesu als Feiertag zu bezeichnen bzw. ihn zu feiern. Vielmehr wäre doch eben Trauer, Buße und Stille angebracht. Nun stimmt es schon, dass der Tod eines Unschuldigen uns schrecklich betroffen macht. Doch durch diesen Tod hat sich Gott in seinem Sohn, unserm Herrn Jesus Christus, den tiefsten Tiefen der Menschlichkeit ausgeliefert. Er hat sich uns ausgeliefert, in all seiner Größe hat er sich für uns erniedrigt. Durch seinen Tod hat Jesus Christus aber alles, was uns Menschen von Gott trennt, ja jemals trennen könnte, mit in die Tiefe gerissen. Gott hat sich mit uns am Kreuz versöhnt. Nicht aufgrund irgendeiner Bedingung oder von uns zuvorkommender Leistung. Nein aus seiner unerschöpflichen Liebe zu uns hat er alle Sünde dem Tod geweiht und uns das Leben geschenkt. In Christus allein erfahren wir diese absolute Nähe zu Gott, im Moment der Gottverlassenheit am Kreuz ist uns Gott näher, als es sich unsere kühnsten Träume ausmalen können. Jesus Christus allein ist unser Mittler zum Heil. Durch diese Glaubenserkenntnis ist der Karfreitag für uns Evangelische von Anfang an so wichtig geworden. Denn wenn Gott selbst am Kreuz alle Sünde vergibt und uns der Glaube an seinen Sohn, Jesus Christus, diese Vergebung und Versöhnung schenkt, dann braucht es sonst keine Mittler, keine Priester, keine Bischöfe, Päpste, ja selbst keine Kirche, die das möglich macht. Nach dem Karfreitag und der Überwindung des Todes am Ostermorgen passt kein Blatt Papier mehr zwischen Gott und die Seinen. Deswegen ist dieser Tag für uns so wichtig, deswegen wurde er in der Gegenreformation den Protestanten zum Trotz zum Arbeitstag und deswegen wurde er uns vor knapp 70 Jahren als letzte Auswirkung der Toleranzgesetzgebung geschenkt.

Geschenkt ist geschenkt, wiederholen ist gestohlen.

Wir wurden dieses Feiertages nun durch einen Neidhammel und die ihm folgende Gesetzgebung beraubt. Es geht nicht darum, dass nur wir Evangelische (und Altkatholiken) einen Tag mehr frei haben, es gab auch Vorschläge, in denen der Tag für alle frei hätte sein können. Dies ist aber an der wirtschaftsfreundlichen Regierungspolitik und der mangelnden Unterstützung durch unsere katholische Schwesternkirche gescheitert.

Im Grunde genommen wurde uns nur der freie Tag genommen. Wer sich die vorhergehenden Zeilen durch den Kopf gehen lässt und zu Herzen nimmt, merkt schnell, dass der Wert dieses Tages, der Wert des Sühnetodes für uns nicht an einem freien Tag und erst recht nicht am Gesetzgeber hängt. Egal wie freundlich oder eben auch unfreundlich sich die Politik gibt, Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir leben. Diesen Wert, ja diesen Mehrwert, kann uns keiner nehmen. NIEMAND. Es ist eine Frage des Bekenntnisses: DER KARFREITAG IST WICHTIG, WEIL ICH EVANGELISCH BIN.

Jahrzehntelang haben wir von einer „gnädigen“ Politik gelebt: der Karfreitag war gewährt, die Kirchen steuerlich begünstig, die Kinder in den Schulen unterrichtet usw. Die Windrichtung ändert sich. Unser religiöses Leben muss offensichtlich hinter die Bedürfnisse der Mehrheit zurücktreten („96% wurde ja nichts genommen). Das muss aber nicht so sein. Nicht das Handeln des Staates, die Menschenfreundlichkeit der Gesetzgebung haben die Hoheit zu bestimmen, was für uns Evangelische Bedeutung hat. Bedeutung hat nur unsere Beziehung zu Jesus Christus. Der Karfreitag bleibt bedeutsam, weil da etwas geschehen ist, das kein Gerichtsurteil der Menschheit zurücknehmen kann. Gott hat über uns sein gnädiges Urteil gefällt.

Es liegt an uns, den Karfreitag, unsere Kirche und unser Glaubensleben mit Bedeutung füllen zu lassen. All dem gibt nur Gott selbst Bedeutung. Und das kann uns keiner nehmen. Selbst wenn wir arbeiten müssen, niemand kann uns den Karfreitag nehmen.

Jahrzehntelang haben wir uns auf den Staat verlassen, dass er uns vorgibt, was wichtig ist. Diese Entwicklung ist nun aber fast schon ein Zeichen: Nehmen wir doch wieder in unseren Gemeinden das Heft in die Hand und lenken unser Augenmerk auf das, was wichtig ist und das ist einzig Gott selbst.

Nichtsdestotrotz haben wir die Möglichkeit verloren, einen Feiertag ganz uns, unserem Glauben und auch den Unsrigen zu widmen. Und das wollen wir betrauern:

Karfreitag 19.4.2019: Trauergottesdienst in der Evangelischen Friedenskirche

Die Andacht zur Sterbestunde (um 15:00) entfällt. Stattdessen werden unsere Kirchenglocken zur Sterbestunde in Gedenken und Protest für eine halbe Stunde läuten.