Geschichte

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Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg

Der bisherige Bericht hat gezeigt, dass die Geschichte der Gemeinde ein unaufhörlicher Kampf war: Reformation, Gegenreformation, Bauernkriege, bayerische Zeit, Vormärz, Kampf um die Gemeindegründung usw. Im Vergleich dazu ist die Ära Schimik eine Zeit ruhiger und ungestörter Entwicklung. Die Protokolle berichten von Wahlen, Veranstaltungen, Reparaturen usw. Die Seelenzahl der Gemeinde wuchs langsam aber ständig durch Geburtenüberschüsse. Zu den bemerkenswertesten Ereignissen gehörte der Bau des Pfarrhauses im Jahre 1886 und die Errichtung der Religionsunterrichtsstationen. Im Jahre 1894 versuchte Pfarrer Schimik die lutherische Liturgie nach sächsischer Ordnung einzufahren. Der Altargesang fand bei der Gemeinde keinen Anklang. Wenn bis zum heutigen Tage manche Gemeindeglieder während der Eingangsliturgie, des "Bodnigen" (Altardienst) vor der Kirche stehen bleiben, so mag das eine Erinnerung an den Protest jener Jahre sein. Zur finanziellen Sicherstellung wurden verschiedene Fonds gegründet, z.B. der Pfarrdotationsfond, dessen Zinsen das Pfarrgehalt ergeben sollten. Vor Beginn der Inflation hatte er die stattliche Höhe von 23.1 86 Kronen erreicht. 'Die Zinsen dieses Betrages hätten immerhin ungefähr ein Leutnantsgehalt ergeben. Der Gedanke an einen Schulbau wurde bis Kriegsende nie aufgegeben. Die Inflation vernichtete einen Betrag von 2415 Kronen. Der Malznerfond, durch ein Gemeindeglied zu Gunsten der Pfarrwitwen der Gemeinde gegründet, hatte eine Höhe von 7456 Kronen. Am 23. Juni 1895 feierte die Gemeinde das 25. Jubiläum ihres Bestandes. Pfarrer Karl Schimik gab eine sorgfältig gearbeitete Festschrift heraus: "Die evangelische Gemeinde A. C. von der Reformationszeit bis zur Gegenwart." Vom Reinertrag der Festschrift wurde ein großes Harmonium für das Schulzimmer angeschafft. Auf Kosten eines Timelkamer Gemeindegliedes völlig umgearbeitet und erneuert, steht es heute noch im Gemeindesaal. Im Jahre 1896 bot sich der Gemeinde die Gelegenheit eineinhalb Joch Wiesengrund nördlich des Pfarrhauses zu erwerben. Die Kosten von 4000 Gulden wurden von Gemeindegliedern aufgenommen. Der Grund wurde an den Gasthof und Realitätenbesitzer C. Armbruster verpachtet, der dafür an den Pfarrhof täglich eineinhalb Liter Milch lieferte. Etwa ein Viertel Joch wurde dem Verschönerungsverein zur Anlage einer Kastanienallee überwiesen. Bis zum Jahre. 1939 konnte man von der Stadt zur Kirche im Schatten der Kastanien wandern, was im Hochsommer sehr angenehm war. Dass die Amtsführung Pfarrer Schimiks außerordentlich gewissenhaft war, beweisen noch heute die Matrizen und Protokolle aus seiner Zeit, die alle in sauberster Schrift und fehlerlos geschrieben sind. Er konnte seiner Gemeinde nicht nur seelsorgerlich, sondern auch leiblich helfen, da er sich auf Kaltwasser und Naturheilkunde verstand und auf diesem Gebiete schöne Erfolge erzielte. Da zehn Kinder im Pfarrhaus heranwuchsen und Kinderbeihilfe damals ein unbekannter Begriff war, hatte das Leben einen kargen Zuschnitt. Kirchlich gesehen, war die Zeit bis zum Weltkrieg, wie bereits erwähnt, eine Zeit ruhiger und ungestörter Entwicklung. Zum erstenmal in der Geschichte Österreichs saß auf dem Kaiserthron ein Habsburger, der unserer Kirche nicht nur eine freundliche Gesinnung entgegenbrachte, sondern ihr volle Freiheit gewährte und unsere Gemeinde unterstützte. Es ist verständlich, dass Pfarrer und Gemeinde diesem Monarchen Verehrung und Dankbarkeit entgegenbrachten. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Protestantenpatentes vom 8. April 1861 gibt die Gemeinde im Jahre 1886 eine Huldigungserklärung an den Kaiser ab, die von diesem freundlich zur Kenntnis genommen wird. Ohne Zweifel war es ein Höhepunkt im Leben des Pfarrers, als am 21. August 1890 vom Bezirkshauptmann ein Schreiben kam-.
"Seine Majestät der Kaiser reisen laut Note vom 17. August 1890, um den Schlussmanövern des 14. Corps beizuwohnen, Freitag, den 29. August Nachmittag 4 Uhr 30 mit Separatzug von lschl nach Vöcklabruck, daselbst die Ahnankunft um 6 Uhr Nachmittag erfolgt und fahren von dort zu Wagen in das Ah.Hoflager im Schloss Wagrain.Ober allerhöchsten Befehl wird sich der Herr k.k. Statthalter von Oberösterreich zum Empfange auf dem Bahnhof in Vöcklabruck einfinden und Euer Hochwürden Seiner Majestät bei der Ankunft vorstellen. Hievon beehre ich mich zu Folge Erlasses des Herrn k.k. Statthalters vom 19. August 1890 Z.1921 Euer Hochwürden mit der Einladung zu verständigen, sich am 29. August 1890 zum Empfang Seiner Majestät und am 2. September zur Verabschiedung um 6 Uhr Abends am Bahnhofe zu Vöcklabruck einzufinden..."
Von der Vorstellung berichtet die Chronik Pfarrer Schimiks:
"Seine Majestät geruhten sich über die Verhältnisse der evangelischen Gemeinde sowie über die Person des Pfarrers, was für ein Landsmann er sei, wo er studiert habe usw. in freundlichster Weise zu erkundigen. Desgleichen wurde der Pfarrer zu der am 2. September im Schlosse Wagrain abgehaltenen allerhöchsten Hoftafel geladen.Während der Manöver beehrten auch der k.k. Statthalter, Freiherr von Puthon, der k.k. Bezirkshauptmann und der Bürgermeister der Stadt den Pfarrer mit einem Besuche, besichtigten die Kirche und sprachen sich über die geordneten Verhältnisse der strebsamen Gemeinde sehr lobend aus."

Man sieht, wie viel sich seit der Zeit der Ferdinande im österreichischen Kaiserstaat geändert hatte.Umso tragischer, dass gerade in diesen Jahrzehnten, da der Kaiserstaat unserer Kirche ein wirklich freundliches Gesicht zeigte, dieser Staat zu zerfallen begann. Ein Zerfall, den W. Churchill die europäische Kardinaltragödie nannte. Anderthalb Jahre vor dem Besuch des Kaisers Franz Josef 1. in Vöcklabruck hatte die Gemeinde am 10. Februar 1889 einen Trauergottesdienst für den Kronprinzen Rudolf gehalten, der ein paar Wochen vorher durch Selbstmord aus dem Leben geschieden war. Weithin herrschte die Empfindung, dass die Schüsse von Mayerling den Untergang der Monarchie einläuteten. Manche Historiker sind der Meinung, dass nach der Überzeugung des Kronprinzen die Politik seines Vaters enger Anschluss an Preußen-Deutschland, dessen Herrscher Wilhelm 11. sich mit der ganzen Welt zerwarf, die Occupation Bosniens und der Herzegowina, die den österreichischen Panslawismus zu hellen Flammen entzündete - zum Untergang der Monarchie führen müsse und es ihm graute, ein solches Erbe anzutreten. Das Ende der Monarchie wünschten nicht nur die Pansiawisten, die sich durch die Aufteilung in eine deutsche und eine magyarische Reichshälfte (Ausgleich 1867) entrechtet fühlten, sondern auch die Deutschnationalen um Georg von Schönerer, der alle Deutschen in einem Volksstaat vereinen wollte. Da die römisch-katholische Kirche sich für das Recht der Slawen einsetzte, entstand um die Jahrhundertwende die Los-von-Rom Bewegung. Die evangelische Kirche galt als die deutsche Kirche - und um die Jahrhundertwende wurden viele Obertritte in unsere Kirche vollzogen, aus Gründen, die nicht immer aus dem Evangelium kamen.

Diese Bewegung, die im Alpen- und Sudetengebiet zur Gründung einiger neuer Gemeinden geführt hat, fand in unserem Gebiet keinen Widerhall. Das Eintrittsbuch weist in den fraglichen Jahren keinen Übertritt auf, bei dem politische Gründe mitbestimmend gewesen sein könnten. In einer Sitzung am 26.Februar 1911 teilt Pfarrer Schimik der Gemeindeversammlung mit, dass er seine Kräfte sinken fühle; 21 Wochenstunden Religionsunterricht und 83 Gottesdienste im Jahr, dazu die Amtshandlungen und die Kanzleiführung gingen über seine Kräfte. Er stellte daher den Antrag, die Nachmittagsgottesdienste mit Ausnahme der Passionsandachten entfallen zu lassen. Ein Presbyter wies auf die Schädigung der Gemeinde durch den Ausfall des Klingelbeutelgeldes hin. Pfarrer Schimik erklärte sich bereit, den Ausfall zu ersetzen. In einer Sitzung des Jahres 1913 teilte Pfarrer Schimik mit, dass die Seelenzahl der Gemeinde auf über 500 gestiegen sei und daher nach der Kirchenverfassung eine Gemeindevertretung statt der bisherigen Gemeindeversammlung gewählt werden könne Gott hat seinen treuen Diener Pfarrer Schimik durch einen raschen und schmerzlosen Tod abgerufen. Er starb am 7. Juni 1913 an Gehirnschlag im 59. Lebensjahr.

Die Administration der Gemeinde wurde an Pfarrer August Koch in Attersee übertragen. Die Pfarrstelle wurde ausgeschrieben, und schon zwei Monate später konnte Pfarrer Koch vier Bewerbungen vorlegen. Nach Abhaltungen von Probepredigten entschied sich die Gemeinde für Johann Schick, Personalvikar in Heidenreichstein, heute eine Predigtstation von Gmünd in Niederösterreich. Johann Schick wurde am 17. Februar 1870 in Fraham bei Eferding geboren. Er war also der erste Oberösterreicher, der Pfarrer in unserer Gemeinde wurde. In der Wahl vom 5. Oktober 1913 fielen von 58 Stimmen 51 auf ihn. Aus seinem Berufungsbrief hören wir, dass ihm als fixe Besoldung mit Ablösung der Naturalien und Opfergänge 2000 Kronen pro Jahr bewilligt wurden. Dazu kamen die Stolgebühren bei den Amtshandlungen. Die Gemeinde schätzte an ihm seine wohldurchdachten Predigten. Es war daher keine geringe Enttäuschung für sie, als sich herausstellte, dass er nicht installiert werden konnte. Er war sehr karitativ gesinnt und hatte als Vikar in Heidenreichstein, um das Leid der Weit zu verringern, aus eigener Initiative ein Waisenhaus gegründet. Die Oberlieferung berichtet, dass er sich geweigert habe, dem Oberkirchenrat Einblick in seine Geschäftsgebarurig zu gewähren. Die Wahl hätte daher nicht bestätigt werden können. Der Waisenhausbetrieb auf eigene Faust ging auch im Pfarrhaus zu Vöcklabruck weiter. Augenzeugen berichten, dass sich manchmal acht bis neun Kinder im Pfarrhaus aufhielten, Pfarrer Schick blieb unverheiratet. Die älteren Kinder hatten für die kleineren zu sorgen. Hilfreiche Familien lieferten Lebensmittel. Meist aber mussten sich die Kinder mit Gemüseeintopf begnügen. Selbstverständlich musste er Gönner für seine Arbeit suchen. Ein Gemeindeglied berichtete mir, dass er Körbeweise Bittbriefe versandte und die Millionäre Amerikas kannte. Dass er sich in keine bestehende Ordnung fugen konnte, wurde ihm zum Verhängnis.