Geschichte

Der Erste Weltkrieg

Zur Zeit Pfarrer Schicks brach der Erste Weltkrieg aus. Die Doppelmonarchie hatte sich nicht imstande gezeigt , die slawische Frage zu lösen. Aus dem Gewitter, das sich im südslawischen Gebiet zusammenbraute, brach am 28. Juni 1914 der Blitz, der den Krieg auslöste: die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin. Auch aus unserer Gemeinde eilen die Wehrfähigen freudig zu den Waffen. Man erhoffte ja einen schnellen Sieg. Als auch Russland in den Krieg eintrat, musste diese Hoffnung begraben werden. Dass die Lage im Osten eine böse Wendung nahm, zeigten die Flüchtlingsströme, die im März 1915 auch unsere Gemeinde erreichten. Am 5. April teilte Pfarrer Schick dem Presbyterium mit, dass für 40 galizische Flüchtlinge Unterkunft besorgt werden musste. Da es sich um bäuerliche Menschen handelte und viele Bauernsöhne der Gemeinde eingerückt waren, scheint die Unterbringung kein Problem gewesen zu sein.

Am 29.Dezember 1915 verständigt der Oberkirchenrat die Gemeinde, dass die Glocken abgeliefert werden müssen. Die Gemeinde bekommt eine Entschädigungssumme von 2264 Kronen. Im Pfarrhaus wird um diese Zeit die Militärkanzlei der 4. Ersatzkompanie untergebracht. Der Glaube an den Endsieg Österreich-Ungarns war so selbstverständlich, dass die Gemeinde am 30. April 1916 beschloss, mit den Mitteln des Pfarrdotationsfonds, des Schulfonds und des Malznerfonds vierzigjährige Kriegsanleihen zu zeichnen und auch die Gemeindeglieder zum Zeichnen aufzufordern.

Ende 1917 verschärft sich die Not des Pfarrers. Die Gemeinde beschließt am 30. Dezember, sich wegen der Verweigerung der Staatspauschale an den Pfarrer durch den Oberkirchenrat an den Kaiser zu wenden: "Es ist darum nicht die Gemeinde schuld, wenn ihr ordentlich berufener Seelsorger schon seit 4 Jahren hungern und darben muss, infolge Überanstrengung und Nichtbewilligung eines Urlaubes (seit 9 Jahren) recht leidend ist, sondern der seine Bestätigung verweigernde Oberkirchenrat. Die evangelische Gemeinde sieht sich daher gezwungen, eine Beschwerde an Seine Majestät den Kaiser als den Landesbischof einzubringen." Von einer Antwort ist nichts bekannt. Das Leben dieses armen Mannes nimmt ein tragisches Ende. Am 6. Juli 1919 richtet das Presbyterium an den Oberkirchenrat die dringende Bitte, ihm das Hindernis bekannt zu geben, das der Bestätigung des vor sechs Jahren gewählten Pfarrers im Wege steht, damit die Gemeinde die Möglichkeit habe, eine Neuwahl vorzunehmen. Am 3. September wird der Gemeinde die endgültige Verweigerung bekannt gegeben. Die Gründe sind den Protokollen nicht zu entnehmen. Die Gemeinde kündigt ihm die Pfarrstelle auf. Er bekommt 1000 Kronen Abfertigung und muss bis November das Pfarrhaus räumen. Er bekommt eine Wohnung im Schloss Köppach, das bereits zu zerfallen beginnt. Eines der älteren Waisenkinder, die 16-jährige Maria Hauch aus Wien, zieht mit ihm ins Elend.

Ein Bauer alias Baumgarting beackert ihm ein Stück Feld von dem er sich zu ernähren versucht. Maria Hauch berichtet, dass er bei Regenwetter über dem Schreibtisch einen Regenschirm aufspannen musste, weil der Regen durch das morsche Gebälk des Jörgehrschlosses drang.Am 31.August 1922 ist Pfarrer Schick 52-jährig im Krankenhaus Weis an Magenkrebs gestorben. Er ist wohl die tragischste Gestalt unter den Vöcklabrucker Pfarrern. Leider besitzen wir keine Predigt von ihm, keine Selbstdarstellung, die uns einen Einblick in das Innenleben dieses seltsamen und unglücklichen Mannes gewähren könnte. Die Gemeinde ist ihm Dank schuldig, dass er von den drei Sachsenglocken, die 191 5 aus dem Turm geholt werden sollten, doch die mittlere retten konnte. Sie dient auch heute jeden Sonntag mit ihrem Geläut. Auch die Orgelpfeifen konnte er retten. Der Kirchenhistoriker G. Loesche schreibt in seiner Geschichte des Protestantismus in Österreich S. 688:

"Vöcklabruck durfte die Zinnpfeifen seiner besonders wertvollen Orgel behalten." Es ist Schicks Verdienst, dass die Kommission an diesen Wert glaubte, von dem unsere Organisten weniger überzeugt sind. Für die Struktur und das geistliche Leben der Gemeinde bedeutete der Erste Weltkrieg keinen besonderen Einschnitt. Die traurigste Folge war der frühe Tod junger Männer, die die Heimat nicht mehr sahen. Auf der Gedenktafel rechts vom Kirchenportal lesen wir die Namen von zehn Gefallenen und zwei Vermissten. Dass aus dem Hause Schiller-Gferetbauer, das seit dem Beginn der bayerischen Zeit in der Geschichte unserer Gemeinde eine bedeutende Rolle spielte, drei Söhne fielen (Matthias, Franz und Alois), gehört zu den dunklen Führungen, die wir nicht verstehen. Eine weitere Unheilsfolge war das Sinken der biologischen Kraft unserer Gemeinde. Betrug vor dem Krieg die -Durchschnittszahl der jährlichen Taufen 17, so sank sie nach dem Krieg auf 14.

Mit dem Ende des Krieges trat die Habsburger Dynastie, die so tief in das Leben unseres Volkes, unserer Kirche und Gemeinde eingriff, vom Schauplatz der Geschichte ab. Dass sie immer wieder versuchte, christlichen Glauben und politische Gewalt miteinander zu verbinden, dafür werden wir heutzutage in einer Zeit der geistigen und gesellschaftlichen Auflösung und der ständig zunehmenden Kriminalität mehr als früher Verständnis haben; dass sie blind geblieben ist für den Wahrheitsgehalt und die Heilskraft der lutherischen Reformation und sie jahrhunderte lang mit Feuer und Schwert zu vernichten suchte, ist eine Tragik, die bis in die Gegenwart weiterwirkt.