Monatsspruch September 2017

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.
Lk 13,30 (L)

Woran erinnert uns dieser Bibeltext? Natürlich an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das wir bei Matthäus 20, 1 - 16 finden. Die Auszahlung für die Arbeit beginnt bei den Letzten, die nur eine Stunde im Weinberg gearbeitet haben und endet mit denen, die seit der Früh beschäftigt waren und jeder bekommt den gleichen Lohn. Auf das Murren derer, die am längsten gearbeitet haben, sagt Jesus in Vers 16: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Der gleiche Satz wie bei Lukas, der noch ergänzt wird mit der Frage an die Murrenden: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?“Monatsspruch September
Auch in Lukas 13,30 finden wir die gleichen Worte, auch wenn das Gleichnis ein anderes ist. Wenden wir uns also dem Text aus Lukas zu, der vor Vers 30 steht. Es handelt sich um das Gleichnis von der engen und der verschlossenen Tür. Lukas 13, 22 -30.
Beginnen wir so: Es ist nicht schön, zu spät zu kommen.
Manchmal ist es sogar unangenehm, denn man stört die anderen, die schon mit etwas beschäftigt sind. Und vor allem hat man selber das Schönste verpasst, das lockere Ankommen, das Grüßen und das Gegrüßt-Werden, vielleicht das erste Getränk und den gegenseitigen Austausch mit den anderen. Man konnte sich auch keinen Überblick verschaffen, ob man jemanden aus der Gruppe kennt.
Manchmal ist es aber auch ganz zu spät, denn dann gibt es vielleicht keinen Einlass mehr; man hat zwar nicht alles, aber zumindest den Anfang verpasst. Das passiert im Theater, im Konzert. Man kann nicht gleich zu seinem Platz, man muss bis zu einer Pause warten, in der man dann vielleicht eingelassen wird. Und dann spürt man auch die Blicke derer, die pünktlich waren. Zu spät dran zu sein, ist nicht schön.
Einige Verse vor der Stelle, die uns zum Nachdenken anregt, spricht Jesus davon, dass viele durch die enge Pforte in das Reich Gottes hineinkommen wollen, es aber nicht schaffen werden. Dass man darum ringen soll, durch die Pforte hinein zu kommen.
Das Wort Pforte kennen wir heute nur mehr aus dem Klosterleben, denn die Klosterpforte gibt es nach wie vor. Auch der Pförtner ist uns noch bekannt, obwohl das Wort längst durch Portier oder Türsteher ersetzt wurde.
Im Mittelalter war die Pforte die kleine Tür neben dem Stadttor. Wenn man zu spät dran war, das Stadttor schon geschlossen war, dann konnte man bestenfalls durch diese Pforte daneben in die Stadt gelangen, nachdem man sich ausgewiesen und eventuell einen kleinen Beitrag gezahlt hatte, und war erst dann die Nacht über sicher untergebracht.
In unserem Text haben wir es mit zwei Dingen zu tun. Es geht um die Pforte für die Spätheimkehrer und um die Haustüre, die der Hausherr schließt. Wer immer spät kommt, kommt irgendwann einmal zu spät. Dann bleibt die Haustüre auch für den zu, den die Hausgemeinschaft kennt.
In dieser Erzählung spricht Jesus von Gott. Er kennt die nicht, die zu spät sind, oder will sie nicht kennen, obwohl er noch mit ihnen spricht. Nichts kann ihn umstimmen, auch nicht die Erwähnung von gemeinsamen Essen, von gemeinsam verbrachter Zeit. Gottes Antwort ist bitter: „Ich kenne dich nicht!“ Wer sich zu lange Zeit lässt, für den bleibt irgendwann die Tür zu. Der, der vor der Tür ist, der zu spät gekommen ist, der bleibt ausgeschlossen.
Und weiter heißt es: „Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“
Versuchen wir also noch einmal zu verstehen, was es heißt, zu spät zu sein. Zu spät kommen heißt: Anderes war wichtiger. Ich habe eine Ausrede oder Rechtfertigung zur Hand. Aber am Ergebnis ändert es nichts. Weil ich zu spät bin, bekomme ich von den Menschen, von der Gemeinschaft, von der Umwelt, zu der ich gehöre, das Entscheidende nicht mit.
„Die Ersten werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein.“ Wir haben also nur noch zu sehen, wie es zu deuten ist. Einige Ausleger finden folgenden Hauptgedanken heraus: Da das himmlische Erbe nicht durch gute Werke erworben werden kann, sondern aus Gnade geschenkt wird, wird die Herrlichkeit für alle die gleiche sein.
Aber Christus erörtert hier gar nicht die Gleichheit der himmlischen Herrlichkeit für alle, auch nicht die zukünftige Lage der Gläubigen, sondern er erklärt nur, dass es gar keinen Grund dafür gibt, dass die, die der Zeit nach die Ersten sind, sich rühmen oder auf andere herabsehen können. Denn sooft der Herr will, kann er Leute berufen, die er eine Zeitlang zu vergessen schien, und er kann sie den zuerst Berufenen entweder gleichstellen oder sie ihnen sogar vorziehen.
Wenn die Tür zu bleibt, dann ist das schlussendlich die Quittung für eine lange Vorgeschichte. Menschen, Beziehungen, unsere Umwelt, alles, was uns lange egal war, das, was immer nur nach uns selber an zweiter Stelle stand, bietet uns irgendwann kein Zuhause mehr. Ohne dass wir es gemerkt haben, haben sich die zurückgezogen, die für uns immer an zweiter Stelle kamen.
Aber Gott sagt auch, warum die Tür für uns zu bleibt. Nicht, weil wir ihn zu wenig beachten würden, sondern weil er der Anwalt derer ist, die wir zu wenig beachten. Er hält uns den Spiegel vor: Ich weigere mich, euch zu kennen, so wie ihr euch weigert, die Menschen um euch wirklich kennen zu lernen.
Und nun geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Der Hausherr lässt – zumindest in den Worten Jesu – noch einen winzigen Spalt weit in sein Haus hineinsehen. Und der Spiegel, der uns vorgehalten wird, zeigt außer der Ablehnung noch ein anderes Bild. Da sitzen welche fröhlich an seinem Tisch. Viele sogar. Ganz verschiedene aus unterschiedlichen Zeiten. Stammväter Israels, mutige, aber schwierige Persönlichkeiten; ebenso auch die oft unbequemen Propheten. Man sieht all diejenigen, die sich früher oder später ganz auf andere eingelassen haben und darin Gottes Willen erfüllt haben. Sind sie nun gerettet, wir aber nicht? Das wäre die Botschaft, wenn das Zu-Spät für uns auch das Ende aller Zeitrechnung Gottes wäre.
Aber der Spiegel kann uns auch helfen. Vielleicht sehen wir im Spiegel Menschen am Tisch des Herrn sitzen, die wir vernachlässigt haben und es entsteht der Wunsch, ihnen nahe zu sein und mit ihnen zu reden. Man könnte sozusagen Versäumtes wieder gut machen.
Wir würden jedenfalls nur als verwandelte Menschen eintreten, die aufhören, immer zu spät zu kommen, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Wir würden uns wirklich für die anderen interessieren. Und so würden wir dann auch die Worte hören, die Jesus an anderer Stelle sagt: „Ich bin die Tür; wenn einer durch mich hineingeht, der wird selig werden.“
Jesus will damit sagen, dass viele Menschen, die meinen, wie die Pharisäer in Bezug auf religiöse Vorrechte „Erste“ sein zu müssen, nicht in das Reich Gottes eingehen werden. Sie werden „Letzte“ sein. Doch viele, einschließlich der Jünger Jesu, auf die die selbstgerechten Pharisäer als „Letzte“ herabblicken, werden „Erste“ sein, das heißt das Vorrecht erhalten, mit am Tisch im Reich Christi zu sein.

Gertrud Time